Bemerkenswert

Warum Seiltänzerin?

Wir sehen bei einer Seiltänzerin die Leichtigkeit und Eleganz, mit der sie scheinbar mühelos über das Seil schwebt. Doch dahinter steckt viel Arbeit und ungezählte Fehlversuche. Höchste Konzentration ist gefragt, sie darf sich keine Sekunde des Abgelenktseins leisten.

Ähnlich ist es für mich mit der Kommunikation in der hörenden Welt, zu der ich gehöre. Scheinbar mühelos beteilige ich mich an Gesprächen, würze sie mit Wortwitzen und stelle interessierte Fragen. Was von außen nicht sichtbar ist, ist die Konzentration, die dieser Seiltanz der Worte von mir fordert. Ich kann als Schwerhörige nicht beiläufig hören, sondern muss immer konzentriert und aufmerksam dabei sein. Manchmal geht es schief und ich falle. Es ist frustrierend, wenn ich trotz meiner Mühe nicht in das Gespräch finde. Aber irgendwann rapple ich mich wieder auf und mache weiter. Begebe mich auf das schwankende Seil und tanze.

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Ungewöhnliches Gepäck

Vor kurzem machte ich mich auf eine große Reise: Für sechs Wochen ging es nach Bolivien und Peru! Davor gab es viele Sachen zu organisieren: Impfungen, Sonnencreme, Mückenspray, Mitbringsel und Geschenke für Freunde,…

Eines kommt immer in den Koffer, egal wohin ich reise: Mein so genanntes Überlebenskit für Hörgeräte: Batterien. Alte Ohrpassstücke, falls ich ein Problem mit den aktuellen bekommen sollte. Zusätzliche Winkel, für die ich meinen Akustiker überreden musste, mir eine Reisevorrat mitzugeben. Eine elektronische Trockenstation, mit der ich schädliche Feuchtigkeit aus den Hörgeräten bekomme. Und eine Trockendose, falls es keinen Strom gibt.

Auch wenn ich nur mit Rucksack und wenig Gepäck unterwegs bin – dafür muss Platz sein.

Dieses Geraffel ist so ziemlich die einzige Konstante auf meinen Reisen: Egal ob ich nach Südamerika fliege, Freunde besuche, einen Städtetrip mache, couchsurfe, ein entspanntes Wochenende in der fränkischen Schweiz verbringe, den Jakobsweg laufe oder auch einfach nur heim zu meinen Eltern fahre, mein “Überlebenskit“ für Hörgeräte ist immer dabei.

Ich stehe meiner Behinderung nicht einfach hilflos gegenüber. Ich habe es ein Stück weit selbst in der Hand, in wie weit die Behinderung ein Hindernis darstellt. Diesen Rahmen versuche ich auszunutzen.

Barrierefreiheit ist auch hören

Manchmal bin ich ein bisschen fies. Wenn jemand stolz auf die Barrierefreiheit eines Gebäudes hinweist (und damit sind meist Aufzüge und Rampen gemeint), frage ich gerne ganz unschuldig nach der Induktionsanlage. Die es oft nicht gibt. Betretene Gesichter.

Nicht nur Treppen sind Barrieren. Auch das Nicht-Hören ist eine Barriere. Eine schlechte Akustik. Schlechte Lichtverhältnisse, sodass das Mundbild nicht zu erkenne ist. Säulen und Pfeiler, die die Sicht versperren. Auch lange Tische, an denen man nebeneinander sitzen und ich die Gesichter der anderen Menschen neben mir nicht sehen kann.

Für viele Menschen erschöpft sich Barrierefreiheit im Bau von Aufzügen und Rampen. Aber Barrierefreiheit umfasst so viel mehr. Für mich konkret bedeutet sie gute Akustik und gute Sichtverhältnisse.

Deshalb bin ich manchmal gerne etwas fies. Frage nach der Induktionsanlage. Einfach um Bewusstsein zu schaffen.

 

„Frauen und Behinderte werden bevorzugt eingestellt“

Vorlesung Arbeits- und Organisationspsychologie. Die Professorin spricht von geschlechtsneutralen Stellenausschreibungen. Da sei die gesellschaftliche Entwicklung schon relativ gut vorangekommen. Dank veränderten Formulierungen würden Stellenausschreibungen Frauen besser ansprechen. Nur der Satz „Frauen und Behinderte werden bei gleicher Einigung bevorzugt einstellt“ hätte manchmal einen kontraproduktiven Effekt.

Es ist ein Nebensatz in 90 Minuten Vorlesung. Aber er bleibt bei mir hängen. Stört es Frauen, mit „Behinderten“ in einem Atemzug genannt zu werden? Weil es wirkt, als ob Frau sein und behindert sein praktisch das Gleiche sei? Erweckt die Formulierungen den Eindruck, Frauen würden auf diese Weise als defizitär dargestellt? Und damit ganz eng verbunden: Was ist das vorherrschende Bild von Menschen mit Behinderung?

Ich finde, eine Behinderung ist nicht notwendigerweise defizitär zu sehen. Vielmehr ist es häufig eher ein „behindert werden“ denn ein „behindert sein“. Wenn ich mir mein Leben anschaue: In vielem ist es meine Umwelt, die mir als Mensch mit Behinderung die Teilhabe erschwert, nicht in erster Linie die Hörbehinderung an sich. Mit den entsprechenden technischen Hilfsmitteln und der Offenheit, Kommunikationsregeln zu berücksichtigen, könnte ich mich in vielen sozialen Bereichen bewegen, ohne behindert zu sein/werden.

Aber mir steht eben NICHT eine optimale technische Versorgung zu. Und im Gespräch mit Lehramt- oder Medizinstudierenden habe ich gemerkt, dass bei ihnen Wissen über Hörbehinderungen nicht mal ansatzweise im Curriculum vorkommt. Dabei sind gerade das Studiengänge, deren Absolventen später recht wahrscheinlich mal auf die eine oder andere Art mit dem Thema in Berührung kommen werden.

Es ist meine Krankenkasse, die mich behindert, die deutsche Rechtsprechung, das Bildungs- und Gesundheitssystem. Es ist die Ignoranz der Sprechstundenhilfe meines Ohrenarzts, die auch nach meiner Bitte nicht deutlicher sprechen will. Es ist die fehlende Bereitschaft der Mitarbeitenden eines Restaurants, die Hintergrundmusik leiser zu stellen.

Eine Behinderung ist mehr als nur die körperliche Funktion. Es ist mehr als einfach nur ein Defizit meinerseits. Es sind Strukturen und gesellschaftliche Gegebenheiten, die mich behindern.

Insofern ist der Vergleich zur Diskriminierung von Frauen gar nicht so weit weg. Auch da sind es gesellschaftliche Gegebenheiten und gewachsene Strukturen, die etwa den Zugang zu bestimmten Berufsgruppen und Führungsebenen erschweren.

Strukturen, die es erschweren oder sogar unmöglich machen, dass mache Menschen ihre Potentiale und Talente frei entfalten können.

Musik und ich

Irgendwie mag ich Musik. Und irgendwie auch gar nicht.

Ich kann es nicht leiden, Musik im Hintergrund zu höre. Das lenkt mich ab und macht es mir schwer mich zu konzentriert. Es wird sehr anstrengend, Gesprächen zu folgen. Ich kann nicht selektiv hören und meine akustische Aufmerksamkeit nur auf das richten, das ich hören will. Das ist keine Frage der Intelligenz oder der Konzentrationsfähigkeit allgemein. Das ist eine Folge meiner Schwerhörigkeit.

Aber fast genauso wenig, wie ich Hintergrundmusik mag, mag ich es, nichts anderes zu tun, als Musik zu hören. Mir wird langweilig. Insbesondere klassische Musik erschließt sich mir nicht. Harfen sind schrecklich (ich höre nur die Hälfte der Töne). Kontranbasse sind für mich, auch wenn ich sie irgendwie ganz hübsch finde, eine Platzverschwendung (ich höre sie nicht). Der Grund dafür: Hörgeräte sind nur auf einen ganz bestimmten Tonumfang ausgerichtet. Den der Sprache eben. Aber Musik, insbesondere die Klassische, umfasst einen viel größeren Bereich. Den höre ich nicht.

Ein interessantes Experiment für mich ist, Musik ohne Hörgeräte zu hören. Denn auch wenn ich so alles viel leiser und auch verzerrt wahrnehme – manchmal höre ich tatsächlich mehr. Das sind ironischerweise meist die Bässe. Ironischerweise deshalb, weil ich eine Tieftonschwerhörigkeit habe, d.h. ich höre tiefe Töne besonders schlecht. Aber wenn es recht laut ist, so ab 80/90 Dezibel, höre ich es dann irgendwann doch. So höre ich plötzlich etwas, dass es normalerweise nicht durch die Hörgeräte schafft. Die halten Bässe nicht für notwendig – stimmt ja auch irgendwie, man braucht sie nicht für’s Sprachverständnis. Deshalb werden sie nicht verstärkt.

Um diesen vermeintlichen Widerspruch zu verstehen, muss man wissen, wie Hörgeräte funktionieren. Das eigentliche Hörgerät ist hinter dem Ohr. Dort wird der Schall mit kleinen Mikrofonen aufgenommen und entsprechend verstärkt. Weiter geht der Schall durch ein kleines Schläuchchen und das Ohrpassstück in den Gehörgang. Das Ohrpassstück sitzt passgenau und schalldicht in der Ohrmuschel, damit der Schall vom Hörgerät auch wirklich an der richtigen Stelle ankommt. Man kann sich in diesem Kontext Hörgeräte und Ohrpassstücke ein bisschen wie Hightech-Ohrenstöpsel vorstellen. Es kommt wahnsinnig viel Schall im Ohr an. Aber gar nichts von dem, was das Hörgerät nicht verstärkt.

Im Alltag bemerke ich das nicht. Ich kann gut Sprache verstehen und mich selber problemlos mitteilen. Aber beim Musikhören stelle ich fest, dass sich mir einiges der hörenden Welt dann doch nicht erschließt.

Trotzdem – irgendwie mag ich Musik. Ich singe sehr gerne. Töne zu unterscheiden ist dabei keine Stärke von mir und meistens versuche ich deshalb, meine Umwelt mit meinen Gesangskünsten zu verschonen. Außer in der Kirche – Nächstenliebe und so. Da müssen meine Mitmenschen mich schon ertragen.

Und im Tanzen habe ich meinen persönlichen Zugang zur Musik gefunden. Fragt man mich nach meiner Lieblingsmusik, so antworte ich meistens: „Alles, worauf ich tanzen kann“ Beim Tanzen bin ich glücklich, ich fühle mich frei und kann je nach Musik unterschiedliche Rollen oder Stimmungen annehmen. Ich fühle mich ganz bei mir und kann innerlich zur Ruhe kommen. Am Ende bin ich erschöpft und glücklich.

Deshalb mag ich Musik.

Ferrari hinterm Ohr?

Ich laufe durch die Stadt und sehe die vielen Akustiker, die in den letzten Jahren in der Innenstadt erblüht sind. In den Schaufenstern versprechen lachende Senioren Innovation und Design, Hörgeräte als Lifestyle-Produkt. Aber bitte unsichtbar. Ein Hörgerät darf man nicht sehen. Höher, schneller, weiter heißt hier kleiner und unsichtbarer.

Aber ist es wirklich immer nötig, so ein Ferrari hinterm Ohr? Tiefergelegt und in modischen Farben? Müssen Hörgeräte immer schicker, kleiner und teurer werden? Ich frage mich, ob so ein Ding wirklich alltagstauglich ist. Ein Ferrari mag ja für manche Menschen ein Statussymbol sein. Aber wer von uns braucht ihn wirklich? Bei der Fahrt zum Supermarkt oder zur Oma in den Nachbarort ist er definitiv fehl am Platz. Der gleiche Verdacht drängt sich mir auch bei diesen kleinen, schicken Dingern auf. Geht hier vielleicht um Ästhetik auf Kosten der Funktionalität?

Meine eigenen Hörgeräte sind groß und beige. Kassengeräte. Ich bin zufrieden damit. Bei mir steht nicht die kreative Selbstfindung hinter dem Ohr im Mittelpunkt. Mir geht es nicht darum, dass die Hörgeräte nahezu unsichtbar sind und niemand meine Behinderung bemerkt. Meine Hörgeräte sollen funktional und alltagstauglich sein. Ohne nicht ausgereifte Technik, die lediglich mit wohlklingenden Namen aufwarten kann. Meine Hörgeräte sind eher so ein Art Geländewagen. Und ich meine damit nicht so einen blasierten SUV, sondern einen wirklichen Geländewagen, mit dem man über Geröllfelder und durch Flüsse fahren kann. Mit meinen Hörgeräten meistere ich meinen Alltag durch das manchmal unwegsame Gelände der Kommunikation.

Das, was bei einem Auto die Gänge sind, sind bei einem Hörgerät die Programme. Hier gilt: Mehr ist besser. Natürlich nur, wenn man sie zu nutzen weiß. Mit den Programmen kann ich meine Hörgeräte an verschiedene Situationen anpassen. Dabei ist mir wichtig, schnell von einem Programm ins andere wechseln zu können: Allgemeines Mikrofon, Richtmikrofon, FM-Spule und Roger – Warum gibt es eigentlich keinen Hörgeräte-Führerschein? Schon meine Kassengeräte können ziemlich viel. Der Knackpunkt: Man muss es zu nutzen wissen.

Doch wozu braucht man dann die kleinen, schicken Hörgeräte? Warum tun sich viele ältere Menschen diese feinmotorische Herausforderung an?

Ohne Zweifel – diese Geräte für manche Menschen bestimmt ein Gewinn. Das möchte ich auch gar nicht anzweifeln. Aber für mich liegt das eigentliche Problem woanders. Ist ein Hörgerät denn etwas, für das man sich schämen muss? Ein Makel, den niemand sehen darf?

Meine Hörgeräte sind ein wichtiger Teil meines Lebens. Auf Smartphone und Laptop könnte ich verzichten. Auf die Hörgeräte nicht. Meine Behinderung hat mich geprägt und dazu beigetragen, dass ich so bin, wie ich bin. Ich finde, das sollen andere Menschen auch wissen. Ich bin so, wie ich bin. Mit meinen Stärken und Schwächen. Und mit Hörgeräten.